Roman
Galiani Verlag Berlin, Berlin 2011
ISBN-10 386971039X
ISBN-13 9783869710396
19,99 EUR
Wunden, die das Leben schlug - Larissa Boehnings geschichtensatter großer Roman über drei Frauen auf der Suche nach einem selbstbestimmten Leben
Moskau,
Ende der 30er Jahre, Hitlers Landsleute sind politisch unerwünscht. Die
überzeugte Kommunistin, aber deutschstämmige Sängerin Nadja sieht sich
gezwungen, mit ihrer Familie auszuwandern. Ausgerechnet ins verhasste
Nazideutschland müssen sie, ihr Mann Anton und die zwei Kinder. An eine
Bühnenkarriere ist in Berlin nicht zu denken. Ihr anpassungsfähiger Mann
übernimmt von nun an allein die Ernährung der Familie, er erstellt für
eine Zeitung Horoskope. Nie wird Nadja ihm seinen eilfertigen Verrat
aller früheren Ideale verzeihen. Sie verschließt sich in sich selbst –
bis sie mit einem ehemaligen Kollegen Antons zu korrespondieren beginnt,
der nach Amerika ausgewandert ist. Als dieser ankündigt zurückzukommen,
zieht Anton alle Register des Verrats, um seine Frau zu halten. Eine
Generation später steht Nadjas gerade erwachsene Tochter Senta am
Grenzübergang Friedrichstraße und muss eine Entscheidung treffen: Der
von ihr geliebte Gregor will in die DDR. Für
immer. Er zieht die Revolution der Liebe vor, Senta (in Abgrenzung zu
ihrer Mutter) die Vernunft – sie bleibt, obschon gerade schwanger, in
Westberlin. Bald darauf heiratet sie Gregors besten Freund und täuscht
ihn über die wahre Vaterschaft ihres ersten Kindes. Dreißig Jahre und
einige Kinder später wird ihr ein Kassiber von Gregor zugespielt, der
inzwischen im Gefängnis sitzt und auf Fluchthilfe hofft … Erst in der
dritten Generation verheilen die Wunden, die die Vertreibung Nadjas aus
Moskau schlug.
Larissa Boehning ist ein großer Wurf gelungen, eine dreifache
Ost-West-Geschichte, eine dreifache Suche ihrer Figuren nach Heimat,
sich und ihren Wurzeln – und das alles in einer Sprache, die in der
deutschen Literatur ihresgleichen sucht: hochmusikalisch, biegsam und
leuchtend, als sei sie mit Goldfäden durchzogen.